„Frieden ist erlernbar!“

 

Der Deckel seines Rucksacks steht halb offen und Papierrollen blinzeln heraus, als Konstantin Leimig vor einer Schule in Berlin steht. Er ist kein Schüler mehr, Lehrer ist er auch nicht. Kinder rennen auf den Gängen an ihm vorbei und strömen in alle Richtungen. Inmitten des Trubels läuft Konstantin mit seinem vollgepackten Rucksack zu einem Klassenzimmer. Als er sich neben das Pult stellt, lässt er den Blick neugierig durch das Zimmer schweifen. Denn wer an diesem Tag vor ihm sitzen wird, weiß Konstantin bis zu diesem Moment noch nicht. „Das ist jedes Mal die große Überraschung“, erzählt der freiberufliche Bildungsreferent. Heute ist Konstantin für die KURVE Wustrow unterwegs, ein Verein im Wendland, der sich seit über vierzig Jahren für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte einsetzt.

„Ich versuche, den Blick für Kooperation zu schärfen – und von der häufig erlernten Konkurrenz wegzukommen.“

25 Jugendliche schauen Konstantin an und checken ihn aus. Er merkt, dass sie aufgeregt sind – die Situation ist neu, sie kennen weder ihn, noch wissen sie viel über das Thema seines Workshops. Er selbst ist auch aufgeregt. „Die ersten 5 Minuten sind total wichtig für die Verbindung“, sagt der 38-Jährige. Wie der gemeinsame Schultag verlaufen wird, hängt zu einem gewissen Grad von diesen ersten Minuten ab. Ihm ist es wichtig, dass der Tag für die Schüler*innen tatsächlich interessant ist. „Sie sollen auch mitbestimmen können, wie die gemeinsame Zeit verläuft“, so Konstantin. Deshalb will er versuchen, die 15- bis 16-Jährigen wirklich abzuholen und einzubinden. Zuerst fragt er in die Runde, ob die Schüler*innen überhaupt an der Entscheidung beteiligt waren, ihn, den Referenten für Friedensbildung in ihr Klassenzimmer zu holen. Wenn ja, ist die Ausgangslage eine andere: Die Schüler*innen wissen dann meistens bereits, dass Konstantin mit ihnen zu Themen wie beispielsweise Gewaltprävention, Ursachen von Konflikten oder Umgang mit Konflikten arbeiten wird. Vielleicht haben sie sogar eigene Themenvorschläge mitgebracht. „Ich versuche dann herauszufinden, wie die Stimmung der Gruppe ist“, sagt Konstantin. „Mit welcher Erwartungshaltung sind die Schüler*innen heute zum Workshop gekommen und was ihnen für den Tag wichtig ist?“

Konstantin hat heute das Thema „Konstruktiver und gewaltfreier Umgang mit Konflikten“ vorbereitet, welches bei diesem Workshop besonders im Fokus sein soll. Welche Themen der Bildungsreferent in die Workshops mitbringt, hängt vom Alter der Schüler*innen ab: In der Grundschule geht es darum, mit den Kindern zu überlegen, wie Menschen zusammenleben und richtig streiten können. In der Mittelstufe drehen sich die Workshops thematisch hauptsächlich um Gewalt und Identitätsfindung. Ab der neunten Klasse legt Konstantin den Fokus darauf, wie internationale und regionale Konflikte entstehen und wie sie gelöst werden können. „Je älter die Schüler*innen sind, desto mehr gehen wir zum Beispiel von der persönlichen Ebene auch auf die Politische“, erklärt Konstantin. Was er jedoch über alle Klassenstufen und Gruppen hinweg in seine Workshops einbaut, ist das Kernthema der Kooperation: „Ich versuche, den Blick für Kooperation zu schärfen – und von der häufig erlernten Konkurrenz wegzukommen.“

„Fordert eure Mitbestimmung ein“

An diesem Tag driftet die Klasse bei den Diskussionen stark in eine politische Richtung. Die Schüler*innen diskutieren über die aktuelle Weltlage, über Machtverhältnisse, die Klimakrise, über die Kriege in Gaza und der Ukraine. „Sie bringen oft ein unglaubliches Gerechtigkeitsgefühl mit“, erzählt Konstantin. Auch an diesem Tag ist er wieder fasziniert, wie informiert sie sind und wie klar sie ihre Meinungen und Gefühle äußern können. „Und doch werden sie so selten ernst genommen“, sagt der 38-Jährige. „Kinder und Jugendliche haben in unserer Gesellschaft einfach viel zu wenig Mitbestimmung.“ Konstantin will ihnen an diesem Schultag zeigen, dass ihre Mitbestimmung wichtig und gefragt ist. Er bindet sie in die Gestaltung des Tages ein und fragt sie zwischendurch immer wieder nach Feedback. „Ich schätze es sehr, direkte Rückmeldungen von den Schüler*innen zu bekommen, ob sie das, was wir gerade bearbeiten, spannend und hilfreich finden – oder eben nicht“. Konstantin will daran mitwirken, eine friedlichere Gesellschaft zu werden: „Wie können wir eine Gesellschaft werden, in der Menschen sich streiten, ohne sich niederzumachen, ohne Feindbilder zu bauen?“ Deshalb will er Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten, den Umgang mit Konflikten einzuüben und zu lernen. Außerdem möchte er sie dazu ermutigen, ihre Stimme zu nutzen: „Lasst euch nicht erzählen, dass ihr nicht mitbestimmen könnt und dass eure Meinung irgendwie nicht zählt“, sagt er. „Fordert eure Mitbestimmung ein, sucht euch eure Lebensvisionen.“ Ein Spruch aus der Friedensbewegung, den Konstantin in seiner Arbeit auch an junge Menschen weitergibt, lautet „Sei widerständig und erschütterbar“. Damit ist einerseits gemeint, dass man Ungerechtigkeiten und Gewalt nicht gleichgültig gegenübersteht, erklärt der 38-Jährige, „sondern dass es einen zum Beispiel immer noch erschüttert, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken.“ Andererseits ist es aber auch wichtig, sich dann nicht von Gefühlen der Ohnmacht überfahren zu lassen. Laut Konstantin spüren gerade junge Menschen diesen Weltschmerz intensiv und können sich davon erschlagen fühlen. Deshalb sei es wichtig, sich von Ungerechtigkeiten zwar erschüttern zu lassen, diese Gefühle jedoch in aktives Tun umzuformen und dadurch handlungsfähig werden.

„Es müsste nur ein Prozent des Geldes, was momentan ins Militär fließt, in
Friedensbildung investiert werden“

Unzählige Schulen wollen Konstantin und seinen Kolleg*innen für Workshops und Trainings buchen. „Die Nachfrage nach Friedensbildung – vor allem in Schulen – ist viel höher, als wir mit unseren Mitteln derzeit bereitstellen können“, erzählt Konstantin. Nicht nur Lehrkräfte, sondern Mitarbeiter*innen verschiedenster Institutionen und Vereine schreiben Konstantin Mails oder rufen ihn an. Beispielsweise leitet Konstantin gemeinsam mit anderen Trainer*innen regelmäßig Trainings für die Frankfurter Projektgruppe Peace4Future. Diese Trainings bieten jungen Menschen an, sich zu Friedensmentor*innen ausbilden lassen können. „Das ist ein Herzensprojekt von mir“, sagt Konstantin, „das Konzept und die Art, das Training durchzuführen, begeistern mich immer wieder aufs Neue.“ All diese Anfragen nehmen Konstantin und seine Kolleg*innen entgegen. Bevor Workshops oder Trainings also tatsächlich stattfinden, sitzt Konstantin am Schreibtisch und organisiert die Rahmenbedingungen, führt Vorgespräche und legt Termine fest. Ein großer Teil der Schreibtischarbeit bedeutet jedoch auch, Projektanträge zu schreiben. „Diese Anträge zu schreiben frisst total viel Zeit“, erklärt der 38-Jährige. Manchmal schreiben Konstantin und seine Kolleg*innen bei der KURVE Wustrow bis zu zehn Anträge pro Jahr. Erst wenn solche Projektanträge genehmigt werden, kann Konstantin mit seiner eigentlichen, zivilgesellschaftlichen Arbeit loslegen. Denn viele Projekte der politischen Bildung werden über zeitlich befristete Förderprogramme finanziert: Erst nach einer Förderzusage erhalten Träger wie die KURVE Wustrow Geld für ihre Projektkosten und können ihr Personal bezahlen.

„Für persönliche und gesellschaftliche Veränderung braucht es Beziehungsarbeit, Vertrauen und langfristiges Dranbleiben“, betont Konstantin. In den meisten Förderrichtlinien sind die Projekte auf maximal drei Jahre begrenzt, die meisten Projekte laufen sogar noch kürzer. Um langfristige, nachhaltige Projekte umzusetzen, fehlen ihm und seinem Team jedoch der längere Projektzeitraum. Außerdem bräuchten sie mehr staatliche finanzielle Förderung. „Es müsste nur ein Prozent des Geldes, was momentan ins Militär fließt, in Friedensbildung investiert werden“, sagt Konstantin, „dann könnten zivilgesellschaftliche Akteure in der politischen Bildungsarbeit bereits massiv gestärkt werden.“ Um eine Veränderung hin zu einer friedlicheren Gesellschaft voranzutreiben, sei es auch sinnvoll, zukünftige Lehrkräfte in friedenspädagogischen Themen zu schulen. „Je mehr Menschen lernen, wie sie konstruktiv mit Konflikten umgehen können, desto friedlicher ist eine Gesellschaft“, sagt er. Lehrkräfte seien zentrale Figuren in der Entwicklung junger Menschen, so Konstantin. Dabei werde oft unterschätzt, wie wichtig die Haltung und das Wissen von Lehrkräften ist. „Wenn Lehrkräfte Vorbilder sein können, wie man gut mit Konflikten umgeht, ist schon einiges gewonnen.“

„Frieden ist erlernbar.“

Konstantin selbst bekam schon von klein auf mit, wie konstruktive Konfliktbearbeitung geübt und praktiziert werden kann: „Meine Mama arbeitet als Mediatorin und sie ist eine meiner Vorbilder“, sagt der 38-Jährige, der auch unter anderem Konfliktberatung für Städte und Gemeinde anbietet. Inspiriert von ihr und anderen unterstützenden Menschen in seinem Leben, studierte er Politikwissenschaften und Soziologie. Vor allem die Politische Bildung faszinierte ihn während des Studiums. Um sich in diesem Bereich weiter auszubilden, absolvierte Konstantin anschließend einen Master in Friedens- und Konfliktforschung. Später machte er noch weitere Ausbildungen, unter anderem zum Mediator. „Da gab es immer wieder Menschen auf dem Weg, die fest an mich glaubten und mich motivierten, Neues und Herausforderndes zu wagen“, erzählt Konstantin. So habe sich schrittweise alles fügen können. Ähnlich wie er seine persönliche und berufliche Entwicklung als Prozess sieht, spricht der Referent für Friedensbildung auch über Frieden: „Frieden ist kein Zustand, sondern immer wieder ein Weg, den man beschreiten muss.“ Konstantin beschreitet diesen Weg fortlaufend in seiner Arbeit. Beständig verfolgt er das Ziel, zu einer friedlicheren Gesellschaft beizutragen, die konstruktiv mit Konflikten umgeht. Das Motto, das ihn antreibt: „Frieden ist erlernbar.“

 

Das Interview mit Konstantin Leimig führte Linn Sahin. Text: Sophie Kofer.

 

Das Projekt Young Peacebuilders wurde im Jahr 2025 mit dem Patenschafts-Preis des Kulturfonds Salzburg prämiert. Diese Patenschaft fördert künstlerische bzw. wissenschaftliche Initiativen, die ein besonderes Angebot für die Stadt Salzburg und ihre Bewohner*innen setzen.

Materialien und Workshops zu den Young Peacebuilders

Informationen über die Arbeit von Kurve Wustrow findest du hier: https://www.kurvewustrow.org/

Hier findest du auch ein Video-Interview mit Konstantin von der Werkstatt Zukunft: https://werkstatt-zukunft.org/index.php?id=2024/2452-08-interview-konstantin.php

Das Interview ausdrucken (Langtext): Konstantin Leimig

Hier kannst du das Ausstellungs-Plakat von Konstantin Leimig in A3 als PDF herunterladen (z.B. für die Schule oder Klasse).

Du möchtest wissen wie du mit „Young Peacebuilders“ arbeiten kannst oder einen Workshop buchen? Wende dich an das Friedensbüro Salzburg: https://www.friedensbuero.at/workshops/

Workshop-Kostenübernahme durch den OeAD möglich:  Link

Friedensbüro Salzburg
Lasserstraße 30/3
5020 Salzburg
Tel.: +43 (0) 662/ 87 39 31
Email: office@friedensbuero.at
https://www.friedensbuero.at/