„Dafür habe ich mein Leben in Russland aufgegeben“
Als im September 2022 russische Behörden in Artem Klygas Büro stehen und ihn zum Kriegsdienst zwingen wollen, verändert sich das Leben des jungen Juristen. „Das war eine neue Realität“, sagt der 28-Jährige, „mit sehr vielen Risiken für mich persönlich.“ Alles in ihm sträubt sich, Kriege zu unterstützen, insbesondere diesen völkerrechtwidrigen Angriffskrieg. Nach fünf Tagen entscheidet er sich, Moskau zu verlassen und für eine Weile in Usbekistan unterzutauchen. Dort braucht er kein Visum, sein russischer Pass reicht aus, und die Tickets sind billig. Artem hat nur wenig Gepäck dabei, als er in Moskau am Bahnhof steht. Seine Möbel, Kleidung, Bücher – er hat den Großteil seines Besitzes in seiner Wohnung in Moskau gelassen. Artem denkt zu diesem Zeitpunkt, dass er vielleicht drei Monate in Usbekistan verbringen wird, gerade lange genug, um der russischen Mobilmachung zu entgehen. „Ich dachte, oh, wir haben diese Mobilmachung, das ist eine Katastrophe, aber in drei Monaten wird das vorbei sein“, erinnert er sich. „Ich dachte, ich kann zurückkommen und dann mit Leuten arbeiten, die den Kriegsdienst verweigern.“ Er bezahlt weiter die Miete für seine Wohnung in Moskau. Für September. Oktober. November. Schließlich auch für Dezember. Doch zurückkommen, das kann er nicht.
Drei Jahre später. Oktober 2025. Artem hat einen vollen Tag, die Termine reihen sich lückenlos aneinander, er ist in Wien, tritt bei einem öffentlichen Event auf, diskutiert mit Gästen und spricht mit Journalisten. Ein Tag auf Tour. Artem reist zu dieser Zeit mit einer Informationskampagne durch Deutschland und Österreich. Bei der Kampagne, die sich #ObjectWarCampaign nennt, geht es um Solidarität: Menschen aus der Ukraine, aus Russland und Belarus zu unterstützen, die sich gegen den Krieg einsetzen. Der Menschenrechtsverein Connection e.V. aus Frankfurt hat die Kampagne organisiert. Eines ihrer wichtigsten Gesichter: Artem Klyga.
„Ich wünsche mir, dass dieses Recht global anerkannt wird – aber ohne Weltkrieg, ohne Katastrophe, ohne komplizierte Konflikte.“
Nach seinem Aufenthalt in Usbekistan kommt Artem im Jahr 2023 nach Deutschland. Er lernt Deutsch und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Artem hat in Moskau seinen Bachelor und Master in Public Law, russischen Rechtswissenschaften, absolviert. Seine Themenschwerpunkte sind Militärrecht, Kommunalrecht und Verfassungsrecht. Er ist froh, als sich in Frankfurt eine Chance für ihn ergibt: Juristischer Berater bei Connection e.V. „Das war sehr interessant für mich, etwas Neues, eine Möglichkeit, mit deutschen Kollegen zu arbeiten, auf deutscher Sprache und in einem Büro“, sagt der 28-Jährige. Die neue Arbeit ermöglicht Artem, Menschen aus Russland zu helfen, die wie er nicht beim Krieg mitmachen wollen: Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, die in Europa verstreut nach Ländern suchen, die ihnen Schutz gewähren. Er berät sie juristisch in Asylprozessen und schreibt Stellungnahmen für Gerichte. So unterstützt er diese Menschen dabei, einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Artem sieht darin auch eine übergeordnete Aufgabe: Er will das Recht auf Kriegsdienstverweigerung schützen. „Ich wünsche mir, dass dieses Recht global anerkannt wird – aber ohne Weltkrieg, ohne Katastrophe, ohne komplizierte Konflikte.“
Das Engagement des jungen, aktivistischen Juristen bleibt nicht unbemerkt. Es ist ein gewöhnlicher Freitag im Sommer 2025 – das einzig Ungewöhnliche ist bis dahin, dass Artem nach einer langen Nacht bis drei Uhr schläft. Als er auf sein Handy schaut, weiten sich seine Augen: Er hat innerhalb der letzten Stunde über hundert neue Nachrichten, darunter viele verpasste Anrufe. Freunde und Bekannte, Menschen aus Russland versuchen ihn zu erreichen. Auf Artems Bildschirm erscheinen Nachrichten wie „Wir unterstützen dich.“ oder „Das ist nicht fair.“ Drei Stunden lang tippt Artem Antworten in sein Handy, darunter immer wieder dieselben Worte: Vielen Dank. Vielen Dank für die Unterstützung. Es ist fast acht Uhr am Abend, als Artem frühstückt und anschließend spazieren geht. „Ich habe mich sehr zufrieden gefühlt“, erinnert sich der 28-Jährige. „Es war interessant, an meinem Geburtstag habe ich weniger Nachrichten bekommen als an diesem Tag im Juni.“ Es ist der Tag, an dem die russische Regierung Artem öffentlich ins Visier nimmt. Jeden Freitag Nachmittag veröffentlicht das russische Justizministerium eine Liste von Namen. Es sind die Namen russischer Staatsbürger*innen, die von diesem Moment an als sogenannte ausländische Agenten gelten. Es ist der 27. Juni 2025, als sechs weitere Namen auf der Liste stehen. Einer von ihnen ist Artem.
Das russische Justizministerium werfe ihm vor, die „spezielle Militäroperation Russlands in der Ukraine“ abzulehnen, sowie Falschinformationen über politische Entscheidungen russischer Staatsorgane verbreitet zu haben, schreibt eaDaily, ein russisches Nachrichtenportal. Außerdem habe er dabei mitgewirkt, Materialien von Organisationen zu verbreiten, deren Aktivitäten auf dem Gebiet Russlands als unerwünscht gelten. Artem wirkt entspannt, als er davon erzählt. Vielleicht hat er sich seit dem Tag im Juni daran gewöhnen können. Oder er weiß, dass es noch schlimmer kommen kann: Bis jetzt hat das russische Justizministerium Artem noch nicht als Kriminalfall eingestuft – die typische, nächste Eskalationsstufe, die viele der sogenannten ausländischen Agenten zu befürchten haben. Dann folgen strafrechtliche Verfahren, die Polizei oder der Geheimdienst leiten Ermittlungen ein und es drohen Geldstrafen bishin zu langjährigen Haftstrafen.
„Es ist nur eine Frage der Zeit“, glaubt Artem, bis auch er selbst als Kriminalfall eingestuft werde. „Dass ich nicht früher, sondern erst dieses Jahr auf die Liste der Ausländischen Agenten gesetzt wurde, ist super“, sagt er. Viele Russen und Russinnen hätten diesen Status bereits im Jahr 2022 bekommen. „Wenn ich in den nächsten zwei, drei Jahren weiter mit diesem Status leben kann, ohne als Kriminalfall zu gelten, ist das eine super Möglichkeit für mich.“ Dann könne er mit seiner Arbeit in Deutschland weitermachen, ohne vom russischen Geheimdienst bedroht zu werden.
„Die Leute in Russland haben keine Möglichkeit, etwas in den sozialen Medien zu sagen. Ich kann über Kriegsverbrechen reden, dass Putin junge Männer zwischen 18 und 30 benutzt und in den Krieg schickt.“
Wie viel Optimismus und Mut hinter seiner Arbeit steckt, scheint sich der 28-Jährige nicht auf die Stirn schreiben zu wollen. Er wirkt klar und rational, als sei sein Engagement schlicht ein logischer Auftrag: „Ich habe dafür mein Leben in Moskau und mein Leben in Russland aufgegeben“, sagt Artem. „Die Leute in Russland haben keine Möglichkeit, etwas in den sozialen Medien zu sagen.“ Im Vergleich dazu könne er von Deutschland aus viel mehr machen. Immer wieder betont er, dass er von hier aus schreiben kann, öffentlich seine Meinung sagen kann. „Ich kann über Kriegsverbrechen reden, dass Putin junge Männer zwischen 18 und 30 benutzt und in den Krieg schickt.“ Von hier aus könne Artem zudem handeln und versuchen, etwas aus diesen Informationen zu machen. „Auch ich bin nicht zu 100 Prozent frei, ich habe zum Beispiel meine Mutter und meinen Vater in Russland“, sagt Artem. Aber er fühle sich im Exil zumindest frei genug, um sich weiter für Menschenrechte einzusetzen. „Deswegen muss ich hier etwas Nützliches machen, dass es sich lohnt.“
Interview und Text: Sophie Kofer
Das Projekt Young Peacebuilders wurde im Jahr 2025 mit dem Patenschafts-Preis des Kulturfonds Salzburg prämiert. Diese Patenschaft fördert künstlerische bzw. wissenschaftliche Initiativen, die ein besonderes Angebot für die Stadt Salzburg und ihre Bewohner*innen setzen.
Materialien und Workshops zu den Young Peacebuilders
Artem Klyga auf der Webseite von Connection e.V. (Internationale Arbeit zu Kriegsdienstverweigerung und Desertion): https://de.connection-ev.org/article-3946
Das Interview ausdrucken (Langtext): Artem Klyga PDF
Hier kannst du das Ausstellungs-Plakat von Artem Klyga in A3 als PDF herunterladen (z.B. für die Schule oder Klasse).
Du möchtest wissen wie du mit „Young Peacebuilders“ arbeiten kannst oder einen Workshop buchen? Wende dich an das Friedensbüro Salzburg: https://www.friedensbuero.at/workshops/
Unser Workshop-Angebot, das aus drei Teilen besteht, beschäftigt sich mit den Themen Frieden, Friedensarbeit, Möglichkeiten des Handelns und verschiedenen Ausdrucksformen und kann flexibel gebucht werden.
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