„Mein Ziel ist es, die Negativität über Geflüchtete in den Hintergrund zu stellen“

 

Aljeen Hasan engagiert sich für geflüchtete Menschen in Österreich – und dabei nutzt sie verschiedenste Medien: Die 26-Jährige ist seit vielen Jahren auf Instagram aktiv, sie dreht Filme, ist Host einer Fernsehsendung und hat bereits ein Buch veröffentlicht. Bei ihrer journalistischen Arbeit ist ihr vor allem eins wichtig: Empowerment. Sie versucht vor allem junge, geflüchtete Menschen aufzufangen, indem sie ihnen Mut macht und Möglichkeiten aufzeigt, wie sie das Leben in Österreich meistern können.

„Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von Jenseits der Schlagzeilen. Mein Name ist Aljeen Hasan und ich begrüße euch hier im Studio von FS1. Heute haben wir einen beeindruckenden Gast im Studio, sein Name ist Soliman Dayoub.“ – Mit diesen Worten eröffnet Aljeen eine der Sendungen aus ihrem Format Jenseits der Schlagzeilen. Die Sendereihe hat sie dieses Jahr gestartet, gemeinsam mit dem Community TV-Sender FS1 Freies Fernsehen Salzburg. Dayoub und Aljeen sitzen sich auf zwei Sesseln gegenüber, ein großer Perserteppich liegt zu ihren Füßen. Das gemütliche Setting des Fernsehstudios erinnert an ein Wohnzimmer. Nicht ohne Grund – Aljeen wird ihrem Gast sehr persönliche Fragen stellen: zu seiner Flucht aus Syrien, zu Herausforderungen und Hürden unterwegs, und zu dem, was ihm Hoffnung gab. Themen, die außerhalb des eigenen Wohnzimmers vielleicht sonst nicht besprochen werden, bekommen von Aljeen im FS1-Studio die volle Aufmerksamkeit.

„Wenn man die einzelnen Fluchtgeschichten der Menschen hört, dann weiß man, was für einen Kampf sie durchmachen mussten“

„Wenn Geflüchtete in den österreichischen Medien erwähnt werden, dann meist mit dem Zusatz, wie viele von ihnen derzeit beispielsweise in Salzburg sind“, sagt Aljeen. Dadurch würden Geflüchtete nicht als Individuen betrachtet, sondern als Zahlen. „Mein Ziel ist es, diese Negativität über Geflüchtete in den Hintergrund zu stellen“, erklärt die 26-Jährige. Stattdessen versuche sie, deren individuellen Geschichten und Lebensrealitäten in den Vordergrund stellen. Das erreicht sie zum Beispiel durch die Sendereihe „Jenseits der Schlagzeilen“. Wenn sich das Fernsehstudio nahe des Mirabellplatzes wieder kurzzeitig in ein Wohnzimmer verwandelt, sitzt dort wahrscheinlich gerade ein Mensch mit Fluchtgeschichte und spricht vor der Kamera von dieser Erfahrung. „Wenn man die einzelnen Fluchtgeschichten der Menschen hört, dann weiß man, was für einen Kampf sie durchmachen mussten“, sagt Aljeen, „und dann fällt es einem auch nicht mehr leicht zu sagen, dass Geflüchtete abgeschoben werden müssen.“

Aljeen weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, diesen „Kampf“ durchzumachen: Sie ist 15 Jahre alt, als der IS im Jahr 2014 in die kurdische Region Kobane in Syrien einmarschiert. Zu Fuß flüchtet Aljeen in die Türkei. In ihrem Rucksack liegt ihr Notizbuch und sie holt es bei jeder Gelegenheit hinaus, um ihre Erfahrungen und Gedanken aufzuschreiben. Sie lebt in Flüchtlingscamps, geht zur Schule und schließt ihre Matura ab. Im Jahr 2016 beginnt sie ein Leben in Österreich, lernt Deutsch und besucht die Abendschule, während sie darauf wartet, dass der Staat ihre türkische Matura anerkennt. Aljeen möchte sich für Menschen einsetzen, die ähnliches durchmachen, was sie bereits hinter sich hat. Sie schließt sich einem Helfertrupp an, und arbeitet in Flüchtlingscamps. Da die gebürtige Kurdin deutsch und arabisch spricht, findet Aljeen rasch Zugang zu den geflüchteten Menschen und sie vertrauen sich der jungen Helferin an. Sie merkt, wie sehr diese Erzählungen sich mit ihrer eigenen Geschichte überschneiden. Daraus entsteht die Idee von Aljeens erstem, großen, literarischen Projekt: Ihre alten Tagebücher dienen als Grundlage, während sie das Buch „Unsichtbare Kriege“ schreibt.

„In meinem Buch habe ich in einfacher Sprache versucht, dass diese Menschen sich in meine Rolle hineinversetzen können“, sagt die 26-Jährige. „Dass sie merken, dass es nicht nur meine Geschichte ist, sondern auch ihre.“ Es geht um Frau-sein, um Identitätskonflikte in einem neuen Land und um Traditionen aus dem Heimatland. Es geht um Kriege, die sich im Inneren der Menschen austragen, die nach außen hin unsichtbar bleiben. Aljeen liest bei Veranstaltungen aus ihrem Buch vor und spricht mit den Besucher*innen. „Diese Events motivieren mich“, erzält sie. Verschiedenste Leute kämen hinterher auf sie zu und bedankten sich, dass sie in ihrem Buch ihre Erfahrungen mit ihnen geteilt hat. „Vor allem wenn junge Mädchen sagen, dass ich ein Vorbild für sie bin“, Aljeen lächelt, bevor sie weiterspricht, „das berührt mich sehr.“ Diese Begegnungen trieben sie an, sich weiter zu engagieren.

„Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich mir mehr zugetraut und mich nicht einschüchtern lassen“.

Die 26-Jährige ist überzeugt, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, sich für etwas Gutes einzusetzen: „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich mir mehr zugetraut und mich nicht einschüchtern lassen“, sagt sie. „Wenn man jung ist und sich engagieren will, denkt man, das klappt eh nicht, aber es klappt!“ Social Media sei ein sehr großes Mittel, mit dem junge Menschen viel bewegen könnten – aber nur wenn sie wüssten, wie sie richtig damit umgehen. „Ich bin jetzt schon zu alt dafür, ich kann die Zielgruppe von 13 bis 20-Jährigen nicht mehr ansprechen“, sagt die 26-Jährige. Aber junge Menschen auf Social Media hätten viele großartige Möglichkeiten, sich zu engagieren.
Aljeen wird nun in Potsdam an der Babelsberger Film-Uni studieren, sie möchte Filme über wichtige, gesellschaftliche Themen machen. „Man lebt leider sehr kurz, für das, was man sich vornimmt“, sagt sie. „Ich habe wenig Zeit und will viel erreichen, will nicht nur für mich leben, sondern auch für die anderen. Das gibt mir Motivation, ich sehe das als eine gesellschaftliche Aufgabe.“

Interview und Text von Sophie Kofer

 

Das Projekt Young Peacebuilders wurde im Jahr 2025 mit dem Patenschafts-Preis des Kulturfonds Salzburg prämiert. Diese Patenschaft fördert künstlerische bzw. wissenschaftliche Initiativen, die ein besonderes Angebot für die Stadt Salzburg und ihre Bewohner*innen setzen.

Materialien und Workshops zu den Young Peacebuilders

Aljeen Hasan auf Instagram:https://www.instagram.com/aljeen_hasan/

Das Interview ausdrucken (Langtext): Aljeen Hasan PDF

Hier kannst du das Ausstellungs-Plakat von Aljeen Hasan in A3 als PDF herunterladen (z.B. für die Schule oder Klasse).

Du möchtest wissen wie du mit „Young Peacebuilders“ arbeiten kannst oder einen Workshop buchen? Wende dich an das Friedensbüro Salzburg: https://www.friedensbuero.at/workshops/

Unser Workshop-Angebot, das aus drei Teilen besteht, beschäftigt sich mit den Themen Frieden, Friedensarbeit, Möglichkeiten des Handelns und verschiedenen Ausdrucksformen und kann flexibel gebucht werden.

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