Der Krieg – die Zeit der großen Gefühle

 

Der Krieg in Syrien begleitet uns schon seit 7 Jahren fast täglich. Auch wenn wir bereits die unterschiedlichsten Mechanismen entwickelt haben, diese horrenden Bilder und Geschichten zu verdrängen und hintanzuhalten, bleiben sie präsent und sind jederzeit abrufbar.

Seit einigen Jahren gibt es auch einen sehr spannenden, gleichermaßen hoffnungsvollen wie fragilen Friedensprozess in Kolumbien. Der positive Abschluss der diesbezüglichen Friedenverhandlungen im Herbst 2016 war trotz Rückschlägen ein Höhepunkt im Bestreben,  einem der längsten Kriege der letzten Jahrzehnte ein zumindest vorläufiges Ende zu setzen. Warum beschäftigt uns dieses Ereignis weit weniger als die Kriegsgräuel in Syrien, wo uns doch diese hoffnungsvollen Prozesse viel besser täten – in unserer psychischen Verfasstheit genauso wie in unseren politischen Lernprozessen.

Gewöhnlich geben wir auf diese Frage die Verantwortung ab und verweisen auf die Tatsache, dass good news sich bekanntlich weit besser verkaufen als bad news und wir diesem medialen Mechanismus hilflos ausgeliefert sein. Aber dieser Kunstgriff entlässt uns nicht vor der Frage, warum uns der Krieg emotional umso viel mehr trifft und gefangen nimmt als positive und konstruktive Friedensprozesse.

Der Psychoanlalytiker Michale Lukas Moeller bringt dieses Phänomen auf den Punkt, wenn er in seinem Buch „Der Krieg, die Lust, der Frieden, die Macht“ den Krieg als die „Zeit der großen Gefühle“ beschreibt. Diese Diagnose mag auf den ersten Blick absurd, zynisch, verniedlichend wirken angesichts der zerstörerischen Gewalt jeglicher kriegerischer Konfrontationen und die massive Gewalt, die sie in den Körpern und Seelen der davon Betroffenen hinterlässt. Aber genau diese Verletzungen sind es, die den Schlüssel zu unserem emotionalen Gefangensein im Thema Krieg offenbaren. Der Krieg verweist auf Gefühle, die auch in unserer alltäglichen Verfasstheit eine bedeutende Rolle spielen – und diese eröffnen ein äußerst vielfältiges Spektrum.

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten immer wieder damit auseinandergesetzt,  wie insbesondere junge Menschen auf das Thema „Krieg“ emotional reagieren und was sie dabei beschäftigt. Im historischen Vergleich fällt dabei auf, dass unterschiedliche Kriege jeweils bestimmte kollektive Narrative und dazugehörige Emotionen freigesetzt haben. Während etwa der Vietnam-Krieg von heftigen Gefühlen von Wut und Empörung geprägt war, stand die Öffentlichkeit den Kriegen in Ex-Jugoslawien mit Abscheu und lähmendem Schrecken gegenüber. Während die Kriege in Afghanistan nach den Anschlägen von 9/11 von Faszination und instinktiven Vergeltungsimpulsen geprägt waren, zeigten sich im Irak Krieg 2003 bereits wenige Monate später wiederum starke Impulse von Widerstand und Engagement.

Wenn wir uns die Wirkung des Krieges in Syrien auf unsere psychische Verfasstheit vor Augen führen, fällt zuerst die Dominanz von Ohnmachts- und Resignationsgefühlen auf. Das Scheitern eines hoffnungsvollen,  gerade von jungen Menschen initiierten und vorangetriebenen gewaltfreien Aufstandes mag diese Gefühle genauso befördert haben wie das permanente  und anhaltende Versagen der sogenannten internationalen Gemeinschaft in unzähligen militärischen Interventionen und diplomatischen Verhandlungsrunden.

Die zunehmende Unübersichtlichkeit, das Verschwimmen von wahrnehmbaren Koalitionen und sich immer absurder gebärdende Konstellationen führen zu einem hohen Ausmaß an Unverständnis und Unsicherheit, das es schwierig macht, sich zu positionieren und dadurch handlungsfähig zu werden. In seiner Reportage „Ausnahmezustand“ bringt das Navid Kermani auf den Punkt, wenn er meint: „Sprich mit den Menschen, wenn Du in Syrien bist. Jeder einzelne wird dir tausend Wahrheiten sagen Auch der Journalist Scott Anderson stellt fest, dass Jeder, „der sich auf dem Schlachtfeld Syrien zu orientieren versucht, vor ein grausames Rätsel gestellt wird, weil niemand zwangsläufig  der ist, der er vorgibt zu sein.“

Diese Orientierungslosigkeit mag auch in Zusammenhang mit den unterschiedlichen Kriegsakteuren stehen, die sich in Zuge eines militärischen Eskalationsprozesses zunehmend radikalisiert haben und sich dadurch einer vereinfachenden Zuordnung in ein „Gut und Böse – Schema“ entzogen haben. Sie führt in Verbindung mit den – in erster Linie den Kämpfern des sog. „Islamischen Staates“  zugewiesenen – Bildern von Massakern und unvorstellbaren und entmenschlichenden Gräueltaten zu einem hohen Ausmaß an Reaktionen, die von Angst und Depression geprägt sind. Gerade in diesem Kontext äußerst sich das Phämomen, dass die Wahrnehmung von Krieg und destruktiven Konflikten auf häufig bereits bestehende Ängste verweist, die auf den ersten Blick keinen direkten Bezug auf das Bedrohungspotenzial eines scheinbar  weit entfernten Krieges erkennen lässt – auf den zweiten Blick jedoch eigene biografische Bezüge und individuelle emotionale Befindlichkeiten offenbaren. Alexander Mitscherlich hat darauf hingewiesen, dass die Wahrnehmung entfernter Kriege und Bedrohungen, Trauer zulässt, zu der wir in der unmittelbaren zeitlichen und örtlichen Nähe nicht fähig wären.

Diesen eher passiven und nach innen orientierten Gefühlen stehen aber auch im Kontext dieses Krieges offensive und aggressive Formen von emotionalen Reaktionen gegenüber.  Während sich Gefühle von Wut und Empörung aber auch daraus resultierendes Engagement, Widerstand und  Solidarität hierzulande überraschend wenig öffentlich zeigen, trifft dies in einem umso größeren Ausmaß auf Menschen zu, die sich in einem Prozess der Identifizierung mit den jeweiligen Opfern befinden bzw. selbst von kollektiven Kränkungen, wie sie Kriege immer und überall  produzieren, betroffen sind. Entsprechende Ausbrüche von aggressiver Wut sind in diesen Fällen nicht nur auf diejenigen beschränkt, die in diesbezüglichen Radikalisierungsprozessen gefangen sind, sondern können sich auch in alltäglichen familiären oder schulischen Konflikten äußern.

Diesen Phänomenen nahe verwandt aber natürlich nicht ident, sind Gefühle der Faszination, die gerade im pädagogischen Kontext von hoher Relevanz sind. Die Frage, warum Kriege auf viele Menschen ein derart hohes Ausmaß an emotionaler Anziehung ausüben kann, haben sich schon viele  PsychologInnen und PädagogInnnen gestellt. Von besonderer Bedeutung erscheint mir die Wahrnehmung des Journalisten Chris Hedges, der sehr provokant meint, „der Krieg gäbe vielen Menschen einen Sinn, den vielen, die ruhelos und unerfüllt sind und die keinen höheren Wert in ihrem Leben sehen“… „Wenn wir uns vollkommen bedeutungslos fühlen, dann erfahren wir den Krieg unter Umständen so, dass wir das Gefühl haben: Jetzt endlich hat unser Leben einen Sinn. Der Psychoanlaytiker Henri Parens beschreibt dasselbe Phänomen, wenn er die Anziehungskraft des Krieges in Verbindung bringt mit dem Wunsch „sich über die kleinen Gefechtsstationen des eigenen Lebens zu erheben.“  Diese sinnliche und sinngebende Funktion von Krieg wird, so Chris Hedges, von Mythenschöpfern vermarktet – von Historikern, Kriegskorrespondenten, Filmemachern, Romanciers und auch vom Staat.“ Sie alle bringen Krieg in Verbindung mit Erregung, Exotik und Macht.

Auch wenn diese Faszination pädagogisch und therapeutisch ernst genommen werden muss und nicht durch moralisierende Zurechtweisungen „richtig“ gestellt werden können oder sollen, fordert Chris Hedges, „die Mythen, die sich um den Krieg ranken, von der Vorstellung zu befreien, dort im Krieg und angesichts der Lebensgefahr hätten wir die Chance, heldenhafte Taten zu vollbringen.  Er fordert auf, die „Augen zu öffnen, dass der Krieg gesunde Menschen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch verkrüppelt zurücklässt.

Nicht zuletzt sind es aber auch positive Gefühle, die die Auseinandersetzung mit kriegerischer Gewalt hervorbringen können.  Gefühle von Mitleid, Empathie und in der Folge Handlungen  von Solidarität, Zivilcourage und Widerstand, sind ständige Begleiter von Kriegen zu allen Zeiten. Im Kontext des Syrien-Krieges sind diese emotionalen Zugänge zumindest hierzulande in erster Linie in dem hohen Ausmaß an Willkommensgesten in Bezug auf Kriegsflüchtlinge am Höhepunkt der Fluchtbewegungen 2015 sichtbar geworden. Auch diese Akte der Solidarität durch politisches und humanitäres Handelns haben ein hohes Potential an emotionaler Identifikationskraft, deren politisierende und gesellschaftspolitische Wirkung nicht unterschätzen werden soll. Die Journalistin und Autorin Susan Sontag warnt zwar davor,  dass Mitleid keine stabile Größe sei und in Folge von desillusionierenden Erfahrungen auch zu Zynismus führen kann. Wenn es aber eingebunden ist in partizipative und kommunikative Ausdruckformen, ist die emotionale Energie gemeinschaftlichen  Handelns die wohl  kreativste und konstruktivste emotionale Gegenreaktion auf den Krieg und dessen Folgen

Das Friedensbüro Salzburg bietet für Schule und außerschulische Kinder- und Jugendarbeit aktuelle Workshops zur Frage „Was hat der Krieg mit mir zu tun?“ am Beispiel des Syrienkrieges an. Informationen auf http://www.whywar.at/workshops/


Dipl. Päd. Hans Peter Graß MA

Geschäftsführer des Friedensbüros Salzburg, ausgebildeter Sonderschul- und Religionslehrer, dipl. Erwachsenenbildner, Absolvent des Masterlehrgangs „Global Citizenship Education“. Workshops und Seminare zu den Themenschwerpunkten: Krieg und Frieden, Vorurteile-Feindbilder-Rassismus, kollektive Kränkungen und „Paroli den Parolen“.


Literatur:
Navid Kermani. Ausnahmezustand, Reisen in eine beunruhigte Welt. C.H. Beck Verlag, 2017

Susan Sontag. Das Leiden anderer betrachten. München, Wien. Carl Hanser Verlag. 2005

Michael Lukas Moeller. Der Krieg, die Lust, der Frieden, die Macht. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992

Henri  Parens. Krieg ist nicht unvermeidbar. Psychoanalytische Überlegungen zu Krieg und Frieden. Psychosozial-Verlag, 2017

Scott Anderson. Zerbrochene Länder, edition suhrkamp, Berlin, 2017