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Tiefenkulturen

Diese Tiefenstrukturen sind in jeder Kultur anders ausgeprägt. Von welchen Annahmen und Glaubenssätzen diese Strukturen beeinflusst werden, hängt von der Tiefenkultur ab. Die Tiefenkultur ist stark geprägt von den religiösen und spirituellen Bildern einer Kultur, aber auch von den durch Gewalt erlebten Traumata, wie Kriege. In Zeiten, in welchen Unsicherheit herrscht oder eine Bedrohung wahrgenommen wird, werden diese "Bilder" heraufbeschworen
Am Beispiel: Russendenkmal in Wien

Hochstrahlbrunnen in Wien vor dem unteren Schloß Belvedere am Schwarzenbergplatz (Foto: Andreas Pöschek)Denkmal zur Erinnerung an die Befreiung Wiens durch die Rote Armee – das "Russendenkmal"

Das prekäre Verhältnis Österreichs zur NS-Vergangenheit spiegelt sich im Datum des Staatsfeiertags wider – dem höchsten staatlichen Feiertag der Republik. Am 26. Oktober wird des Abzugs des letzten alliierten Soldaten im Jahr 1955 gedenkt. Österreich hat sich nach dem 2. Weltkrieg zum Opfer des kriegslüsternen Deutschland deklariert und doch erinnert man sich an den Tag, an dem die Truppen, die den nationalsozialistischen Spuk beendet haben, abziehen. Waren die Alliierten nun Befreier oder Besatzer? Wird gefeiert, dass die Helfer Österreich wieder verließen?

Aber wie ist das überhaupt mit Siegern und Besiegten? Auf welcher Seite sind "die Guten", auf welcher "die Bösen"? Wer hat Schuld?

Der Umgang mit diesen Fragen deutet auf unsere Tiefenkultur hin, auf die Art und Weise, wie wir mit Konflikt umgehen. Die "christlich-westliche" Tiefenkultur ist geprägt von einem Schwarz-Weiß-Denken, es gibt "die Guten" und "die Bösen", ohne diesem Muster kommt kein echter Hollywoodfilm aus. Und auch die Kirche nicht. Das überträgt sich auf unser Verhalten in Konflikten – wir sehen immer nur zwei Lösungen: entweder – oder. 

"Ewiges Heil den Helden der Roten Armee, die gefallen sind im Kampf gegen die deutsch-faschistischen Landräuber für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas." So steht es in kyrillischen Lettern und russischem Idiom als begleitender Text auf dem Sockel des Denkmals. Diese Formulierung betont die deutsche Zuständigkeit für die Gewalttaten der vorausgegangenen Jahre und die sowjetische für deren Beendigung.

Das Werk ist ein Denkmal, kein Mahnmal. Es stellt das Geschehene aus der Perspektive der Sieger dar. Es dient der Glorifizierung, der Sowjetstern und die offizielle Heraldik aus Hammer und Sichel werden in einer Geste des Triumphierens vorgezeigt. Überhaupt ist das Arrangement von jener ausgeprägten Traditionalität, die man sich nur leisten kann, wenn man von der geschichtlichen Mission überzeugt ist. Solche Überzeugungen rollen bevorzugt im Tross der Eroberer mit.
Der nationalsozialistische und der sozialistische Anspruch auf imperiale Vormacht kleideten sich in den gleichen Jargon. Es ist eine Ästhetik der Gewalt, und das Wiener Monument spricht seinerseits diese Sprache. Das Unnahbare, Distanzheischende, Brüske, das von dem Standbild ausgeht, das Recht- und Befehlshaberische wäre – so darf man annehmen – nicht viel anders ausgefallen, hätte "der Führer" den Krieg gewonnen und ein Siegesmal aufgestellt. Unter Hitler und unter Stalin, nach dem der Platz in Wien bis 1956 benannt war, herrschte nicht Gleichheit, aber Gleichklang der Ideologien.

Die Demokratien reagierten darauf gegensätzlich. Hier brachte der Zweite Weltkrieg eine entschiedene Umkehr in der Selbstdarstellung. Wenn der "Manchester Guardian" am 2. Mai 1945 schrieb:

Europa hat niemals eine solche Katastrophe seiner Zivilisation erlebt, und niemand kann sagen, wann es beginnen wird, sich von ihren Auswirkungen wieder zu erholen" – so stehen derlei Formulierungen auch dafür, dass die Sieger Lehren ziehen wollten. Gerade ästhetisch, die Weltsprache Abstraktion trat auf den Plan. Mit ihrer Fülle an Gesten der Sprachlosigkeit, mit ihrer eigenartigen Verbildlichung von Kargheit und Leere half sie allerdings auch, ob gewollt oder nicht, den Tätern der NS-Zeit beim kollektiven Beschweigen dessen, was sie anrichteten. Das Bewusstsein einer historischen Zäsur wurde beim 'Befreiungsdenkmal der Roten Armee' völlig umgangen. Es setzte dafür auf die Kontinuität der Einschüchterung."   

(er)

Quellen

Institut für Friedenspädagogik Tübingen– Kriegerdenkmäler als Geschichtsquellen

Ö1-Sendung zum Russendenkmal

Wikipedia: Heldendenkmal der Roten Armee

dasrotewien.at: Befreiungsdenkmal, 3., Schwarzenbergplatz

Bildquelle: Schwarzenbergplatz, fotografiert von Andreas Pöschek, Wikipedia


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