Formen ziviler Konfliktbearbeitung in Afghanistan

Dieser Text entstand im Rahmen des Schulprojektes "WhyWar.at-Afghanistan " im Sommersemster 2008 und wurde von folgenden SchülerInnen gestaltet:
Anna Hölzl, Lukas Breitfuß, Magdalena Wimmer. Begleitung und Bearbeitung: Hans Peter Graß

Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) werden häufig in Gebieten tätig, in denen die Regierung die Bevölkerung nie richtig hatte erreichen können. Deren Aktivitäten reichen von humanitärer Hilfe bis hin zu konkreter Friedensarbeit, wie beispielsweise Konfliktmediationstrainings.

Vorschlag einer Strategiekonferenz der Kooperation für Frieden zur zivilen Konfliktbearbeitung:

„Die zivile Strategie für Afghanistan, die hier als Grundlage für weitere Diskussionen in der Friedensbewegung vorgeschlagen wird, ist in hohem Maße ein politisches und nicht ein technokratisches Projekt. Die Friedensbewegung muß ihren Ansatz mit ihrem übergreifenden Ziel verbinden, militärische Interventionspolitik zurück zu drängen und zivile Konfl iktbearbeitung zur gängigem Praxis werden zu lassen. Aus dieser Sicht sind die Ziele einer zivilen Afghanistan-Strategie:

  • Frieden und Kooperation zu fördern sowie Sicherheit im Lande zu stärken
  • Einen Ausweg aus der militärischen Konfrontation zu eröffnen
  • Zivile Konfliktbearbeitung (ZKB) zu erproben und als Alternative bekannt zu machen
  • Möglichst viele NATO-Länder auf diesen zivilen Kurs zu bringen
  • Die Selbständigkeit der EU-Staaten gegenüber der US-Interventionspolitik zu fördern, auch wenn keine Illusion über die Bereitschaft vieler EU-Staaten zu militärischer Interventionspolitik bestehen darf.“

Bild aus dem ipsum Projekt Kabul 2006 www.ipsum.at. ,Asien © Tamana Heela NO ARCHIVO-NO ARCHIVE-ARCHIVIERUNG VERBOTE

Bedingungen in Afghanistan, die zu berücksichtigen sind:

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und hat somit eine Bevölkerung mit sehr unterschiedlichen Loyalitäten. Paschtunen (ca. 40%), Tadschiken (25%), mongolstämmige Hazara (15%) und Usbeken (5%) sind die größten Völker neben vielen weiteren kleineren. Dari, Paschtu und Usbekisch sind die vorherrschenden Sprachen. Verbindend wirkt, dass fast alle Muslime sind ( ca. 84% Sunniten, 15% Schiiten).
Es bestehen große Unterschiede zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung, welche die große Mehrheit der etwa 29 Millionen Einwohner ausmachen. Sie sind insbesondere durch die dominierenden Lebensweise auf dem Lande mit den Stammestraditionen stark verbunden. Modernisierung ist in der Geschichte Afghanistans immer wieder auf großen Widerstand gestoßen und hat zu Sturz oder sogar Ermordung von Herrschern geführt. Auch die Mobilisierung von Widerstand durch die USA gegen die sowjetische Invasion baute auf traditionale Orientierungen und Werte auf. Landesweite Kooperationsbereitschaft ist also nicht selbstverständlich.
Ferner ist die Gesellschaft von jahrelangen Kriegen geprägt. Diese haben bestehende Strukturen teilweise zerschlagen und neue unsichere, partielle Herrschaftsformen (Warlords, Opiumkartelle) geschaffen. Eine auf Produktion beruhende Bourgeoisie ist kaum entstanden.  

Ziviler Friedensdienst (ZFD)

Ziel von Zivilen Friedensdiensten ist der Aufbau einer Friedenskultur und die Initiierung von Ansätzen, die den Versöhnungsprozess in der Post-Konflikt-Situation in Afghanistan fördern. Dieses Ziel soll durch die Umsetzung der drei nachstehend genannten Komponenten erreicht werden:

  • Bildungs- und Versöhnungsarbeit über Medien
  • Stärkung lokaler Konfliktregelungsstrukturen
  • Konfliktberatung/Do-no-harm (DNH) für die EZ.  

Um eine solche Friedenskultur aufzubauen gilt es, möglichst viele Menschen zu überzeugen. Vor allem ist es wichtig, die Kinder und Jugendlichen in solche Prozesse einzubeziehen, weil diese in jedem Land der Welt die Zukunft der dortigen Gesellschaft und Kultur sind, denn wenn man Frieden schaffen will muss man im kleinen Sinne beginnen und das bedeutet, bei den primär „unwichtigen“ Menschen einer Gesellschaft. Junge Menschen brauchen Bildung, im weltlichen aber auch im sozialen Sinne, denn der Streit und der damit zusammenhängende Krieg beginnt in den Köpfen der Menschen.

Arbeitsansätze sind u. a.:

  • Stärkung lokal vorhandener Potenziale und Initiativen zur Konflikttransformation wie der Rekonziliation durch Seminare, Workshops sowie durch Programme lokaler Medien – Radio und Fernsehen, wie auch durch Druckmedien;
  • Durchführung von „Do No Harm“ (DNH)-Workshops;
  • Organisationsberatung und -entwicklung zur Erhöhung der Nachhaltigkeit in der Programm- und Projetkarbeit unter Einbeziehung von DNH und Peace and Conflict Impact Assessment- (PCIA) Methoden und anderer, dem Aufbau einer Friedenskultur und Rekonziliation dienenden Maßnahmen;
  • Förderung sozialer und kultureller Veranstaltungen für alle Mitbürger einer Gemeinde, ungeachtet der ethnischen, kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit;
  • Verankerung der Menschenrechte und Einführung rechtsstaatlicher Strukturen.  

Drei Beispiele einer solchen sozialen Friedensarbeit, die in besonderen Kindern zeigen sollen, dass sie miteinander trotz aller kulturellen, ethnischen und religiösen Vorurteile, sind folgende:

Kinderzirkus in Kabul

Die 14-jährige Qumar übt jonglieren. Das ist nicht leicht, doch ihre Lehrerin ermutigt sie weiter zu machen. Zusammen mit ihren Freundinnen kommt Qumar jede Woche in den Kinderzirkus in der Hauptstadt Afghanistans um für kurze Zeit die ganze Last ihres grauen Alltags zu entfliehen, denn seit dem Krieg hat sie oft Angst um sich und ihre Familie. Während der Zirkustrainings kann sie jedoch vergessen, was ihr Sorgen bereitet. Die Kinder schlüpfen in andere Rollen, sie tragen schillernde farbenfrohe Kostüme und sie haben ein gemeinsames Ziel: Im Sommer gibt es eine große Abschlussaufführung, bei der jeder zeigen kann was er gelernt hat.

„Lernen von der Jugend“

Wenn Shagufa und Qais in der Hauptstadt Afghanistans dreimal in jeder Woche auf Sendung gehen, schalten im ganzen Land über 12 Millionen Menschen das Radio an und folgen gespannt den beiden Moderatoren, die es im zarten Alter von elf und vierzehn Jahren geschafft haben ,ihre eigene Radiosendung „Lernen von der Jugend“ auf die Beine zu stellen. Wie erwachsene Reporter sind auch sie unterwegs ,um von möglichst vielen Menschen etwas über deren Leben zu erfahren. Sie befragen Kinder in der Stadt und auf dem Land nach ihren Lebensumständen: Haben sie genügend Wasser und Nahrung? Gibt es in ihrer Gegend einen Stromanschluss? Besuchen sie eine Schule oder gibt es einen Arzt in ihrer Nähe? Viele Fragen die in Afghanistan oft unbeantwortet bleiben. Doch Shagufa und Qais wollen Klarheit. Sie wollen den Menschen und vor allem den Kindern in Afghanistan helfen mehr zu verstehen. So interviewen sie Politiker und stellen ihnen direkte Fragen zur Situation in ihrem Land. Jeder soll Bescheid wissen, keiner soll vergessen werden. Dies sind die Leitsätze, die Shagufa und Qais immer wieder ermutigen, das Unmögliche zu wagen und ein kleines Stückchen Frieden zu schaffen. Sie gehen damit einer großen Kinderschar als Vorbild voraus.  

Lernen und Lehren für eine bessere Zukunft

Ein weiteres Beispiel eines gewaltlosen und beinahe unsichtbaren Widerstands und dem Weg in eine friedliche Zukunft für Afghanistan ist auch das Leben von Tahera Hakimi. Schon während der Taliban Herrschaft in Afghanistan arbeitete sie heimlich als Lehrerin. Als Lehrerin für Mädchen, wohlgemerkt, denn sie wollte es nicht akzeptieren dass die Mädchen kein Recht auf Bildung hatten. So unterrichtete sie getarnt als einfache Schneiderin ihre Schülerinnen zuhause. Es war mutig von ihr ,Mädchen zu unterrichten, denn immer wieder kontrollierten die Taliban-Milizen ihr Haus, doch die Wissbegier und die Freude der Mädchen ließ sie dies alles in Kauf nehmen. Heute ist Tahera Hakimi Leiterin einer Mädchenschule in Kabul. Sie ist noch immer fest davon überzeugt, dass alle Mädchen, die ihre Schule nach ihrer Schulzeit verlassen, dem Land eine bessere Zukunft bringen können. „Du bist Lehrerin.“, sagte man eines Tages zu ihr. „Also kannst du etwas für die Zukunft unserer Gesellschaft tun.“ Das tut sie seither mit einer großen Hoffnung und auch die vielen jungen Lehrerinnen der Schule tragen ihren Traum weiter.  

Quellen und Links:

http://www.unicef.de/ (abgerufen am 15.5.2018)

ttp://library.fes.de/pdf-files/iez/02836.pdf (abgerufen am 15.5.2018)

Kooperation für den Frieden (abgerufen am 15.5.2018)

Der DED in Afghanistan: Ziviler Wiederaufbau, Bildung und Friedensförderung (abgerufen am 15.5.2018)

Geolino Nr. 8 August 2004 und Nr. 11 November 2007